LESEPROBEN

aus: Tiger fressen keine Yogis

von Helge Timmerberg:



1. Leseprobe

2. Leseprobe

Loco Romantico (Andalusien)

(Auszüge)

Ich war genervt, müde und ohne jede Hoffnung, daß wir doch noch einmal zu einer Party kommen würden, die nicht vorbei oder verschoben oder sonstwie ausgefallen war. Sieben Stunden Autofahrt steckten mir im Rücken, und diese Stadt gefiel mir nicht, und die Wohnung, in die man mich gebracht hatte, gefiel mir auch nicht, und am wenigsten gefiel ich mir selbst.
Same old story. Der alte bescheuerte Blues. Irgendein Zigeuner erzählt mir etwas von Wahnsinns-Fiestas, zu denen er mich bringen will, und von dem einzigen, dem echten, dem ursprünglichen Flamenco, und ich habe nichts Besseres zu tun, als ihn und seine Frau und seine Tochter und seinen Sohn in den Wagen zu packen und mich für den Rest des Lebens darauf einzustellen, ihr Essen zu bezahlen.
Doch der Mann hatte mich beeindruckt. Allein sein Name. Loco Romantico. Zuerst hörte ich noch ein L zuviel. Local Romantico, und ich fand das enorm witzig. Der lokale Romantiker. So wie der lokale Säufer, der lokale Hurenbock, der lokale Journalist. Sie klärten mich auf. Kein zweites L. Nur Loco. Und loco ist das spanische Wort für verrückt.
Er hat sich den Namen selbst gegeben. Er darf das. Loco ist ein Sänger, ein cantanzore, wie man unter Zigeunern sagt. Noch dazu ist er ein genialer Poet. Erzählte mir seine Frau. Und alles, was sie mir über Loco erzählte, ging in die Richtung, es hier mit dem begnadesten Naturtalent zu tun zu haben, das das lichtbeschienene Andalusien in den letzten fünfhundert Jahren hervorgebracht hat. Die Bauern der Sierra Nevada werden zu weinen beginnen, wenn sie Locos Gedichte hören. Geschichten über die Kommunikation zwischen Biene und Ameise und ähnliches. "Zen", sagte seine Frau. "Reiner, naiver Zen."
Ich gehe also mit Loco und seiner ehrgeizigen, höchst manipulativen Frau Samina seit drei Stunden durch die Straßen von Jerez, und im Kinderwagen schläft Sol, der neun Monate alte Säugling, und daneben trabt Nu, die neunjährige Tochter, und Nu weint. Weil es spät nach Mitternacht ist und der Wind Regen aus Marokko bringt. Und egal, wohin wir gehen, wir kommen nicht an. Keine Fiestas, kein Flamenco.

(...)

Ja, auch ich war dabei. In einer weißgekalkten Höhle mit hundert kitschigen Tellern an den Wänden, und ein paar grell geschminkte Omas wollten mir und den fünf Gästen aus Tokio Kastagnetten andrehen, zum zehnfachen des üblichen Preises. Ja, sie haben auch getanzt und gesungen und Gitarre gespielt, eine halbe Stunde lang, für zweitausend Peseten pro Mann und Japaner, und genauso gut hätten sie einen blökenden Esel durch die Stuhlreihen treiben können. Um ein Haar hätte ich die Contenance verloren, als ich da wieder herauskam. Weil ich der Esel war und es hätte wissen müssen. Für Flamenco zu bezahlen bringt dasselbe wie bezahlter Sex. Für beide Seiten. Als Konsument bist du ein Freier, als Interpret eine Hure. Und was dabei auf der Strecke bleibt, ist diese menschliche Qualität, die man Ehre nennt. Oder, wie die Spanier sagen: honor. Und es gibt keinen Flamenco ohne honor.
Loco hatte noch immer traurige Augen. Er sagte wieder nur einen Satz und Samina übersetzte. "Loco sagt, du gibst der Zeit keine Zeit."
"Hat er das genauso formuliert", fragte ich Samina, "oder sind das deine Worte?"
"Seine", sagte sie.
"Dann ist er wirklich gut."
"Er ist noch besser. Du hast ihn überhaupt noch nicht kennengelernt. Und du wirst ihn auch nicht mehr kennenlernen. Du fährst ja nach dem Frühstück." Sie lächelte.

(...)

Das sagen alle. Du kannst den Flamenco nicht planen, nicht zwingen, nicht locken, nicht schmeicheln, bezahlen schon gar nicht, im Grunde nicht einmal suchen. Flamenco ist wie eine Sternschnuppe, wie ein Regenbogen, wie Verlieben. Und manchmal wie ein Blitz. Und wenn er wie ein Blitz ist, dann zerreißt er dir das Herz.
Das war mein Problem. Darunter wollte ich es nicht machen. Und in Granada war es darunter. Nicht immer so tief, wie in der Touristen-Abzockerhöhle. Nein, ich hatte Samina nicht belogen. Ich hatte durchaus nette Leute dort getroffen, an durchaus netten Abenden, in durchaus netten Bars. Die Gang zum Beispiel. Drei Zigeuener, die immer nur zusammen auftauchen, und der Boß hatte die linkesten Augen, die ich je gesehen hatte, und außer seinen beiden Wasserträgern schien ihn dort niemand zu mögen. Nur sie klatschten mit, als er zu singen begann. Laut und dermaßen aggressiv, daß ich bereits die langen, schmalen, feingeschmiedeten Zigeunermesser fliegen sah. Ich ließ mir den Text übersetzen. Er handelte von Geld.
Als er Luft holte, nutzte einer der Männer von der anderen Seite der Bar die Chance und sang eine Antwort, und jetzt schlugen dessen Freunde mit ihren Handknöcheln den Rhythmus auf die Tische und sein Text handelte von Philosophie, und noch bevor der Gangchef etwas darauf erwiedern konnte, legte der Wirt seinen unglaublichen Bauch auf die Theke und schlichtete mit zwei Liedern den Streit. Das erste handelte von Mutterliebe, das zweite vom Essen und Trinken.
Ich meine, das war kein übler Abend. Aber ich war noch nicht satt. Ich war unbescheiden, und Loco, den ich einen Tag später kennenlernte, fand es mehr als legitim. Er hielt es für meine Pflicht, in dieser Angelegenheit unbescheiden zu sein. Er hatte mir das Beste versprochen, und er war der beste Führer auf der Straße des Flamenco. Und das ist kein romantisches Bild. Die Straße, auf der wir gingen, nachdem wir das Kaffeehaus verlassen hatten, hieß tatsächlich Calle de la Flamenco.
Eine schmale, in dieser Nacht regenglänzende Gasse, die durch das Zigeunerviertel von Jerez de la Frontera führt, und irgendwie war alles anders. Ein Schalter hatte sich umgelegt, und das kannte ich. Das hatte ich tausendmal erlebt. Ein winziger, unsichtbarer Schalter, an dessen einem Ende Plus steht und am anderen Minus, und manchmal reicht ein Windhauch, ihn umzulegen.

(...)

Es war eine pena, eine reinrassige Flamenco-Bar mit Vorraum und Theke und einem kleinen Tanzsaal hintendran. An den Wänden hingen keine Teller, sondern Schwarzweiß-Fotografien, zum Teil vergilbt, zum Teil mit Autogrammen, und reinrassig war sie deshalb, weil nur Zigeuner da waren. Viele Zigeuner.
Ich ließ es langsam angehen. Blieb im Vorraum und studierte Gesichter. Studieren ist untertrieben. Ich fiel in sie hinein. Kein Mensch hatte mir erzählt, wie schön Zigeuner sind, wenn sie feiern. Ich sah eine Menge feingeschnittener Nasen und einen alten Mann, dessen Gesicht wie ein zerknautschter Fußball war. Nur Falten und ein ganz breites Lächeln zwischen den Ohren, und wie ich seine Augen beschreiben soll, weiß ich nicht. Nach einigen Minuten fiel mir auf, daß sie alle solche Augen hatten, und Loco schob mich weiter. Nach hinten, in den Tanzsaal. Da war die Musik, und davor war nochmal eine Mauer von Menschen. Aber Zigeuner sind kleiner als ich, und ich brauchte nicht weit durch den Raum zu gehen. Ich suchte mir einen Stehplatz in der linken Ecke des Saals und wurde zu Luft.
Wenn du beobachten willst, ausschließlich beobachten, wenn jede deiner Poren zu einer Antenne geworden ist und deine Augen zoomen, dann stört es manchmal sehr, wenn auf deine Anwesenheit reagiert wird. Dann möchtest du Mäuschen sein, und wenn du zu groß dafür bist, dann werde Luft. Oder ein Stück Holz. Und stehe wie eingebaut in deiner Ecke.

(...)

Leise, aber komprimiert, rauh, aber schön, hart und verletzlich holt er unter den anfeuernden, scharfgerufenen ays der anderen die Stimme aus dem Bauch und bringt sie heraus und läßt sie gleiten und schweben und Girlanden ziehen und holt sie zurück und kommt mit noch mehr Intensität wieder. Und jetzt reitet er. Intensität. Darauf kommt es an. Ein Flamencosänger ist nur dann ein Flamencosänger, wenn er sich selbst singt. Und wenn du in den wenigen Minuten seines Solo alles, aber wirklich alles über sein Leben erfährst, über den Regen und über die Sonne, die er gesehen hat, über die Straßen, die er hinuntergegangen ist, über die offenen und geschlossenen Türen, über die Liebe, die dahinter war, und über das Leid; wenn es das ist, was du erfährst, dann hast du einen guten Sänger gehört.
Und wenn du ein guter Zuhörer bist, verschmilzt du mit ihm, was das Mindeste ist, was ein Sänger braucht. Einen, der eins mit ihm wird, einen, der jede Facette seiner Gefühle aufnimmt und sie mit seinen vermischt. Dann singt der cantanzore nicht nur seinen Flamenco, sondern auch deinen, und das bringt neben vielen anderen Annehmlichkeiten vor allem dies: Ekstase. Damit geht er ins Finale und das ist dann kein Lied mehr. Das ist ein Schrei. Ein langgezogener und länger und immer länger werdender Schrei, und erst, wenn du wirklich nicht mehr weißt, woher er die Luft dafür nimmt, und wo und wie das alles enden soll,erst dann bricht das hundertstimmige olè wie eine Welle über den Sänger herein, und der Mann ist fertig.
Welle um Welle, Sänger um Sänger und - natürlich - Tänzer um Tänzerin. Alle tanzten. Alle haben es noch vor dem aufrechten Gang gelernt. Eine nach der anderen sprang in den Halbkreis und gab das Geschehen für die Dauer von vier, fünf Schritten an die berühmten spanischen Stiefelabsätze weiter. Nicht mehr. Der kurze Tanz war angesagt. Bewegungen, die eigentlich nur Zitate waren. Aber das reichte. Loco Romantico hatte Recht. Diese Frauen gesehen zu haben, wie sie in vier, fünf Schritten, vier-, fünfmal die Hüften schwangen, reichte tatsächlich, um für den Rest des Lebens auf den Besuch von Discotheken verzichten zu können. Ich habe Zigeunerinnen tanzen gesehen. Ich war endlich satt.




Geldgruben (Deutsche Demokratische Republik)

(Auszüge)

(Reportage über die Sicherheit von DDR-Banken direkt nach der Währungsunion. Nach Erscheinen der Geschichte kam es zu einer Serie von Banküberfällen in der DDR.)

Es war eine Premiere: der erste Bankraub in der DDR nach der Währungsunion. Zwei maskierte und mit Pistolen bewaffnete Männer besuchten die Sparkasse Eldena im Kreis Ludwigslust und nahmen 65 000 Westmark mit. Einfach so.
Mich wundert das nicht. Mich wundert nur, daß sie dabei Tränengas versprühten. Das wäre nicht nötig gewesen. Auch die Pistolen nicht. Pure Show. Entertainment. Lust am Überfluß. DDR-Banken überfällt man nicht. Da streichelt man das Geld heraus. Weil DDR-Banken keine Banken sind, sondern Selbstbedienungsläden, Kulissen für den Heimatfilm.
Es fehlt an allem. Kein Panzerglas, keine Videoüberwachung, kein Sicherheitspersonal. Vor allem fehlt es an Bewußtsein. Man scheint nicht zu wissen, daß es auf dieser Welt auch böse Menschen gibt. Diebe. Kriminelle. Schwerverbrecher.

(...)

Ich übertreibe nicht. Ich habe es mir angesehen. Zehn Tage war ich zwischen der Ostsee und der tschechischen Grenze observieren. Und weil ich mich nicht auf meine eigene Wahrnehmung verlassen wollte, nahm ich einen mit, der was davon versteht. Ich gebe zu, ich hatte für diesen Job zunächst an einen Sicherheitsexperten aus dem westdeutschen Bankwesen gedacht. Aber die redeten durch die Bank Scheiße: von Tresoren, die zwar vor dem Krieg gebaut worden seien, aber noch in ausreichender Weise ihren Dienst täten. Sie beruhigten, wiegelten ab.
Darum nahm ich mir einen ehrlichen Kriminellen, der früher in Banken gemacht hat, heute als Geschäftsmann auf dem Kiez arbeitet, einen Mann, der viele Namen hat. Sein Lieblingspseudonym ist Ramires. Dabei blieben wir. Und um es vorweg zu nehmen: Ramires kam, sah und weinte.

(...)

Er erzählte von einem Tresen, über den man aus dem Stand hüpfen könne, von einer einzigen älteren Dame dahinter, die ihn erschrocken angesehen habe, und von dem großen Geldschrank, neben dem sie saß. Es war eines jener vor dem Krieg gebauten Modelle, von deren Sicherheit mich westdeutsche Banker zu überzeugen versucht hatten. "Wertgelasse" nennt man sie in der DDR.
"Normalerweise", sagte Ramires, "wird in einem solchen Fall die Oma auf dem Stuhl gefesselt. Dann quält man den Tresorschlüssel aus ihr heraus. Das dauert gewöhnlich zwei Minuten. Aber geh rein, Alter, und sieh selbst."
Ich tat es. Und ich verstand, was Ramires mir sagen wollte. Niemand hatte es in dieser Bank nötig, eine Oma zu quälen: Der Schlüssel steckte bereits im Schloß. Im übrigen hatten sie, wie unsere Recherchen ergaben, in diesem Ort keine Polizei. Jedenfalls keine richtige. Nur so eine Art Hilfssheriff. Der wiederum hatte kein Auto. Er fuhr mit dem Fahrrad an uns vorbei, eine Milchkanne auf dem Gepäckträger. Die nächste motorisierte Polizeiwache ist 30 Kilometer entfernt. Motorisiert" Sie fahren Lada.
Wir fuhren die 30 Kilometer nach Rostock zurück und trafen dort tatsächlich einen tadellosen Polizisten. Er heißt Klück. Kurt Klück. Das ist kein Pseudonym. Er heißt wirklich so. Er ist der Leiter des Reviers und bestätigte unsere Befürchtungen. Ich kann ihn leider nicht im Original zitieren. Seine Sprache ist nicht die meine. Aber inhaltlich habe ich ihn verstanden: Ladas schaffen 135 Stundenkilometer, sofern nur ein Mann drin sitzt. Ab 145 fliegt der Motorblock vorn raus, die Karosserie bleibt einsam zurück. Und wenn, was zu befürchten ist, das Fluchtfahrzeug aus der BRD stammt und in Richtung Hamburg oder Lübeck verschwindet, können die westdeutschen Kollegen nur informiert werden, wenn man abends das Gespräch anmeldet. Am nächsten Morgen wird die Verbindung dann stehen. Telefonieren nennt man das in der DDR.
Sie haben keine Chance. Denn sie haben keine Erfahrung mit Schwerkriminalität. Und die Vorstellung, was passiert, wenn unsere ausgerasteten Junkies und von Kokain gepeitschten Pitbull-Züchter im ehemaligen Arbeiter-und-Bauern-Staat auflaufen, ließ uns erschauern. Sie werden wie hilflose Kinder im Garten des Bösen sein.
Wir wünschten Revierleiter Kurt Klück viel Glück, als wir gingen. Ramires war seltsam berührt. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß ihm ein Polizist leid tat. Mir ging es ähnlich. Und diese Stimmung hielt nicht nur an. Sie wuchs sich im Verlauf unserer Reise zu einer über das Thema hinauswachsenden Anteilnahme aus. Die ganze DDR tat uns leid.
Es ist ja nicht nur die westdeutsche Unterwelt, die in den Startlöchern hockt und frohgestimmt nach Osten blickt. Da gibt es noch ganz andere, und die meisten sind schon da: Vertretergesocks, Teppichverkäufer, Immobilienmakler, Ramschhändler, Parteipolitiker, und der Unterschied zwischen Bankräubern und manchen Gebrauchtwagenhändlern ist für mich nur graduell wahrnehmbar. Prinzipiell tun sie alle dasselbe. Plündern.

(...)

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