LESEPROBE

aus den Weihnachtserzählungen

Spekulatius und Springerle.
Zwei Erzählungen zur Weihnachtszeit

von Usch Hollmann:


1. Leseprobe 2. Leseprobe

Aus: Spekulatius und Springerle

Der Zug kam pünktlich. Heinrich rannte neben den hellerleuchteten, langsam ausrollenden Wagen her. Barblina würde in der dritten Klasse sitzen - Serviertöchter und Malergesellen zählten nicht zu den Leuten, die sich den Luxus einer Fahrkarte zweiter oder gar erster Klasse leisten konnten. Da war sie! Er erkannte sie an dem kleinen Mantelkragen aus Kaninchenfell. Er versteckte sich hinter einem Gepäckwagen, auf dem ein großer Reisekorb ihm Sichtschutz bot. Von dort aus wollte er leise hinter sie treten und ihr die Augen zuhalten, und sie würde ein bißchen erschrecken und lachen und mit fragender Stimme sagen: "Heiri, bisch du das?"
Aber Barblina stand in der geöffneten Tür des letzten Waggons und legte einem jungen Mann in Militäruniform mit zärtlicher Geste die Arme um den Hals, küßte ihn rechts und links auf beide Wangen, nahm seinen Kopf zwischen ihre behandschuhten Hände und legte ihre Stirn an die seine. So verharrte sie eine Ewigkeit und sprang erst von den Eisenstufen, als der Zugführer mit schrillem Pfiff das Signal zur Abfahrt gab. Winkend stand sie auf dem Bahnsteig, bis der Zug talwärts in der Kurve verschwand, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und schaute sich suchend um, als erwarte sie jemanden. Dann hob sie achselzuckend ihren kleinen geflochtenen Koffer aus Reisstroh auf und ging in Richtung Dorf.
Ein Bahnangestellter faßte die Deichsel des Karrens mit dem Reisekoffer darauf und zog ihn zur Rampe. Heinrich, seines Sichtschutzes beraubt, stand wie versteinert auf dem inzwischen menschenleeren Perron. Er verfolgte Barblina mit den Augen und sah mit plötzlich rasendem Herzklopfen zu, wie sie durch den matten Schein der einzigen Straßenlaterne lief und in der Dunkelheit verschwand. (...)

2. Leseprobe

Aus: Friede, Freude, frohes Fest

(...) Die anfangs nur geflüsterten Gespräche wurden mit der Zeit lebhafter, hier und da klang bereits ein gedämpftes Lachen auf: "Schön, dich auch mal wieder zu sehen ... ist es nicht bedauerlich, daß man nur noch zu Beerdigungen zusammentrifft? Wie geht es Tante Irmgard? Habt ihr schon Urlaubspläne? Wo soll's denn hingehen?" Man unterhielt sich angeregt.
Ruth fiel auf, daß über den Verstorbenen nicht gesprochen wurde. Auch daß die meisten Trauergäste es vermieden, sich an sie als die Hauptbetroffene zu wenden oder sie in Gespräche einzubeziehen, irritierte sie. Doch dann erinnerte sie sich ihrer eigenen Hilflosigkeit bei Beerdigungen. "Der Tod gehört zum Leben!" Ach, das sagt sich so leicht ...
Nora wandte sich mit einem resignierten Seufzer und augenverdrehendem Blick zur verräucherten Zimmerdecke wieder ihrer Gesprächspartnerin gegenüber zu, einer Frau "mit routinierter Leichenbittermiene," wie Ruth fand.
"Wer ist die schwarze Amsel?" fragte sie halblaut, worauf Nora ihr schrill lachend Auskunft gab und sich dabei eines Tonfalles bediente, als seien bei Ruth erste Anzeichen von Alzheimer erkennbar. "Aber Mutter, das ist doch Frau Koch von der Finkenstraße ... Frau Koch, meine Schwiegermutter hat sie in Ihrem neuen schwarzen Kleid fast nicht erkannt. Ja, heute wird aber auch alles ein bißchen viel für sie ... schrecklich, wenn der Tod so plötzlich und unerwartet kommt ... nicht umsonst wird in einer der katholischen Litaneien gebetet - ich weiß jetzt beim besten Willen aber nicht in welcher -: Vor einem jähen Tode bewahre uns, o Herr ..."

"Mama, was ist ein jäher Tod?" fragte Ruths achtjährige Enkelin Tanja. Nora schlug einen lehrerhaften Tonfall an und erklärte dem Kind, das Wort "jäh" sei ein heute nur noch selten gebrauchtes Wort, das soviel wie plötzlich, unvorhersehbar bedeute, und wenn der Tod jäh komme, sei es eben besonders schrecklich. Dann könne man nicht Abschied nehmen, seine Angelegenheiten nicht mehr in Ordnung bringen, Menschen, denen man eventuell Unrecht getan habe, nicht mehr um Verzeihung bitten ...
"Aber Vater hat sich immer einen "jähen" Tod gewünscht, auf jeden Fall ohne ein langes vorangehendes Leiden," wagte Ruth an dieser Stelle einzuwenden "und seine "Angelegenheiten", wie du es nennst, waren in Ordnung, in jeder Beziehung".
(...)
Haben Sie ans Christkind geglaubt?"
"Aber ja, natürlich, und wie!"
"Bis zu welchem Alter?" fragte Ruth.
Ihr Gegenüber überlegte. "Wenn ich mich recht erinnere, war ich noch nicht eingeschult." "Und wer oder was hat Ihnen die Augen geöffnet?"
"Wollen Sie das wirklich wissen? Es ist eine längere Geschichte ..."
Ruth schaute auf ihre Armbanduhr. "Wir sitzen noch mindestens zwei Stunden zusammen in diesem Abteil, haben also Zeit genug ... Sie erzählen mir eine Weihnachtsgeschichte, ich erzähle Ihnen eine Weihnachtsgeschichte, vielleicht kommen wir dann in weihnachtliche Stimmung und sehen beide der "Altenbetreuung" etwas gelassener entgegen."
"Nun gut, wenn Sie es so sehen ..." Er setzte sich bequem zurecht.
"Im Kindergarten hatten unsere "Frolleins", wie man damals die Erzieherinnen nannte, uns wochenlang mit allerlei Weihnachtsbasteleien beschäftigt. Sterne aus Glanzpapier hingen an allen Fenstern unserer Wohnung, das heißt, noch öfter lagen sie morgens, in ihre Einzelteile zerfallen, auf der Fensterbank, da der selbsthergestellte Kleber aus Mehl und Wasser nicht sehr zuverlässig war. Bedenken Sie, daß es 1940 weder Uhu noch andere Klebstoffe zu kaufen gab."
Ruth begann blitzschnell zu rechnen: "Aha, 1940 war er fünf Jahre alt, dann ist er heute siebenundsechzig ..."
"Wir hatten zwar zu Hause noch eine Dose sogenannten "Elefantenkleber" von der Firma Pelikan, oder hieß der "Pelikanol"" Ich weiß es nicht mehr hundertprozentig. Auf jeden Fall war er meiner Mutter für unser Kindergebastel zu kostbar; wir durften nur manchmal daran riechen, denn die weiße, halbfeste Masse roch ein bißchen nach Marzipan."
"Richtig," unterbrach ihn Ruth lebhaft. "Die Dose war aus Bakelit und hatte innen eine halbrunde Aussparung für etwas Wasser und das Pinselchen, mit dem man die zu klebenden Stellen einstrich."
"Und wenn man nach Gebrauch den Deckel nicht immer wieder gut zuschraubte, trockneten Pinsel und Kleber ein und es setzte ein elterliches Donnerwetter und lange Gardinenpredigten über Materialverschwendung. Wie schön, daß wir gemeinsame Erinnerungen haben."
"Das finde ich auch. Erzählen Sie bitte weiter."
Er hat wirklich eine angenehme Stimme. Und ein sympathisches Lächeln, dachte Ruth. Und überhaupt ...
"In der letzten Woche vor Weihnachten hatten unsere "Frolleins" für jedes Kind die Heiligen Familie mittels einer Schablone auf Karton vorgezeichnet und wir durfte sie mit stumpfen Scheren ausschneiden, wobei man höllisch aufpassen mußte, weil die über Kreuz stehenden dünnen Beine der Krippe für das Häsulein leicht abknickten."
"Häsulein?"
"Ein Ausdruck, den ich als Zweijähriger geprägt haben soll, weil mir "Jesulein" wohl zu schwierig auszusprechen war. Seither ist "Häsulein" in den internen Familienwortschatz eingegangen, das Wort kommt mir wie selbstverständlich von den Lippen," erläuterte Ruths Reisebekanntschaft mit fast verlegenem Lächeln.
"Ich glaube, solche Wörter gibt es in jeder Familie," warf Ruth ein. "Außenstehenden bleiben sie in der Regel unverständlich. Wir hatten unserem Sohn, als auch er etwa zwei Jahre alt war, die Weihnachtsgeschichte erzählt, und kurz darauf sprach er, wenn von der Heiligen Familie die Rede war, von "Maria und Josef mit dem Legostein". Mein Mann und ich hatten viel Spaß an dieser originellen Formulierung, aber unser Sohn genierte sich später für diesen "lingualen Lapsus", wie er es nennt, und behauptet, wir hätten uns die Geschichte nur ausgedacht ... aber ich habe Sie schon wieder unterbrochen, bitte weiter!" (...)


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