LESEPROBEN

aus: Ist denn nicht zufällig Sonntag?

von Judith Frege:



1. Leseprobe 2. Leseprobe 3. Leseprobe

"Keine Angst, ich halte dich, ich werde dich niemals fallen lassen, das verspreche ich dir."
"Okay, also noch einmal", sagte sie all ihren Mut zusammennehmend. Dieses Mal hatte sie zuviel Schwung und sie fanden sich auf dem harten Bühnenboden wieder. Lachend rollten sie übereinander weg, quer über die ganze Bühne und hörten nicht auf mit dem Lachen bis sie gefährlich nah am Rand des Orchestergrabens zum Stillstand kamen.
Unbeschwert und frei fühlte sich Zoe in seiner Gegenwart und sie vertraute ihm blind. Ohne Angst ließ sie sich in riskante Bewegungen fallen, seine großen Hände waren immer im richtigen Moment da, um sie zu halten, zu heben, zu drehen oder auf den Boden gleiten zu lassen. In ihrer Zusammenarbeit entwickelte sich eine einzigartige Nähe, eine Art Seelenverwandtschaft, und sie wussten, dass es etwas Besonderes war. Die totale Konzentration und Hingabe auf ihren Tanz und die Musik gerichtet ließ die Welt um sie herum in den Hintergrund treten, verblassen und schließlich verschwinden wie hinter einer Nebelwand. Ihre tanzenden Körper bewegten sich losgelöst wie in einem Rausch. Ein Rausch ohne Drogen. Der Tanz war die Droge.

(...)

Vom ersten Augenblick an konnten sie ihre gegenseitige Abneigung kaum verbergen. Randolf Schmidt zeigte seine Antipathie durch arrogant überzogene Höflichkeit. Offene Feindseligkeit hätte er sich nie getraut, denn Mahnstein besaß zuviel Macht und Ansehen. Er entwickelte verdeckte Methoden und operierte aus dem Hinterhalt, um sich für die Erniedrigungen zu rächen, die Mahnstein ihm regelmäßig zufügte. Dieser hingegen zeigte ohne Rücksicht auf Verluste wen er mochte und wer sein Feind war. Am Schlimmsten traf es diejenigen, die er schlichtweg verachtete. Zu dieser Gruppe gehörte Schmidt, der mit verschränkten Armen auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war und ihn aus feindseligen Augen ansah.
Die beiden Männer staunten nicht schlecht, als die zierliche Gestalt, verhüllt in eine olivgrüne Öljacke und einen tropfenden Regenschirm in der Hand, an ihnen vorbeihastete, immer zwei Stufen auf einmal. "Tschuldigung!" stieß Zoe hervor und schoss eng am Intendanten vorbei die Treppe rauf, sodass er um ein Haar die Balance verlor, und Randolf Schmidt erschrocken zur Seite sprang.
"Donnerwetter, wie der Blitz", entfuhr es Mahnstein, und er starrte den roten Haaren nach, die hinter ihr herwehten, als sie um die Ecke bog und verschwunden war wie verschluckt und man nur noch eilige Schritte hörte.
"Na, die muss sich aber beeilen. Drei Minuten hat sie noch", kommentierte Schmidt nach einem Blick auf seine Uhr.
"Ich lasse sie rufen", sagte Mahnstein mit einer extra Portion Unfreundlichkeit in der Stimme. Er biss die Zähne zusammen, sodass seine Lippen kaum noch zu sehen waren, und ohne einen Laut von sich zu geben, quälte er sich weiter die Treppe hinauf, niedergedrückt durch das Gewicht seines fetten Leibes und durch die Last seines Amts. Mit federndem Turnschuhschritt eilte Schmidt die Treppen hinunter. Griesgrämiges Scheusal, dachte er und strich selbstzufrieden über das blondierte Haar, das an den Schläfen bedenklich spärlich wuchs. Kein Wunder, sagte sich der gut erhaltene Fünfzigjährige, dass die Ehefrau dieses Tyrannen ihr Glück bei anderen sucht. Er pfiff eine lustige Melodie, obwohl man im Theater nicht pfeifen sollte. Abergläubische Opernmitglieder behaupteten, es bringe Unglück, wenn in der Oper gepfiffen wurde. Nun, er pfiff drauf, schließlich musste er sich nach der Begegnung mit dem Chef wieder in gute Stimmung versetzen.
"Sie übernehmen keine leichte Aufgabe, Schmidt", hatte ihm der Senator vertraulich ans ehrgeizige Herz gelegt, "Intendant Mahnstein ist ein ziemlich harter Brocken. Ein großer Künstler, selbstherrlich, größenwahnsinnig, wie das so ist bei erfolgreichen Theatermenschen. Außerdem ist er ein rücksichtsloser Verschwender von Steuergeldern. Er herrscht wie ein Patriarch und ist der Meinung, das sei sein gutes Recht. Der Mann ist nicht ungefährlich, er unterhält weitverzweigte politische Verbindungen. Also, Vorsicht ist geboten, Schmidt! Sie haben den Job, dem haltlosen Treiben ein Ende zu setzen, oder es zumindest einzudämmen, ohne den Meister zu sehr zu verärgern. Da ist schon manch einer gescheitert und musste resigniert das Flaggschiff Opernhaus verlassen. Ich wünsche Ihnen Glück, Schmidt, Sie wissen, wo Sie mich erreichen können, falls Sie SOS funken müssen."

(...)

"Allora, Insalata di mare et due Rigatoni Sicilia, buon appetito, meine Damen." Der italienische Ober, der überwältigt von so viel Schönheit, im Handumdrehen einen reservierten Tisch in der überfüllten Pizzeria freigemacht hatte, platzierte die dampfende Pasta auf das rotweißkarierte Tischtuch "Mmh, Knoblauch", sagten sie und genossen die urige Atmosphäre, die an Urlaub in Italien erinnerte.
"Übrigens", sagte Jennie zwischen zwei Bissen, "Nelly verbreitet unglaublich niederträchtige Gerüchte. Sie behauptet, du und Marc, ihr hättet ein Verhältnis. Offensichtlich bezweckt sie, einen Keil zwischen unsere Freundschaft zu treiben."
"Die ist jetzt vollkommen durchgedreht oder glaubst du etwa ...?"
"Quatsch!" stieß Jennie heftig hervor und sah plötzlich müde aus.
"Hey, was ist los, kannst du es mir nicht erzählen?"
"Wenn ich selber wüsste, was los ist. Vielleicht bin ich auch nur eine hysterische Kuh, aber ich glaube, dass Marc mich betrügt."
Erschrocken richtete sich Zoe in ihrem Stuhl kerzengerade auf. Marc? Das konnte, das durfte nicht sein. Allein die Idee war aberwitzig. "Wie kommst du darauf? Was in aller Welt lässt dich so etwas vermuten?"
"Ich sage dir, niemals hätte ich geglaubt, dass mir so etwas passieren würde, aber ... die Dinge sprechen für sich. In letzter Zeit gibt es merkwürdige Anrufe, wenn ich dran gehe wird schnell aufgelegt. Neulich beendete Marc abrupt ein Telefongespräch, als ich ins Zimmer kam. Auf meine Frage, wer es denn gewesen sei, druckste er komisch herum. Ich spüre, dass er lügt, und ich habe Angst, meine Achtung vor ihm zu verlieren."
"Jennie, überleg mal, könnte es sein, dass du dich irrst. Vielleicht bildest du dir alles nur ein?" sagte Zoe und kam sich erbärmlich vor, weil ihr aus Ratlosigkeit nichts Besseres einfiel als abgedroschene Floskeln.
"Es gibt Zeichen, hier und da, rein zufällig, fast unschuldig. Stück für Stück ergänzt sich das Puzzle und nach einer Weile ergibt sich ein Bild. Zoe, dieser Verdacht ist ekelerregend, vergiftet mich. Verdammt, ich habe keine Lust ihm nachzuspionieren. Ich wollte es dir nicht erzählen, dich nicht damit belasten, doch jetzt ... jetzt fühle ich mich erleichtert. Ich konnte es kaum noch aushalten, diese Gedanken in mich hineinzufressen, ohne mich jemandem anzuvertrauen."

(...)

Copyright 2002 beim Solibro®-Verlag.

Schritt zurück Seite zurück

>>> zur Startseite / Impressum