LESEPROBE

aus dem Buch: Münster. Ein Stadtführer

"Entweder es regnet, oder die Glocken läuten - und wenn beides zusammenfällt, dann ist Sonntag." Dieses geflügelte Wort muß nicht unbedingt von einem ortsfremden Betrachter der Westfalenmetropole kommen. Es könnte auch die selbstironische Betrachtung eines Münsteraners sein. Immerhin lebt der Münsteraner als relativ wohlhabender Beamter oder als fleißiger Kaufmann - und er sieht sich als Einwohner einer Stadt, die "unter Deutschlands Schönen eine der schönsten" ist. Unter solchen Rahmenbedingungen hat man gut Lachen, auch ein wenig über sich selbst.
Vielleicht stammt dieser Satz aber auch von einem der zahlreichen Studenten der drittgrößten Universität der Bundesrepublik, die als Neuankömmlinge gerne spötteln - und am Ende ihres Studiums dann doch hier wohnen bleiben. (...)

Links neben dem Rathaus finden Sie das "Stadtweinhaus" (33), das aus den Jahren 1615/16 datiert und aufgrund der direkten Nachbarschaft in kunsthistorisch reizvollem Kontrast zum Rathaus steht. (...)
Unter oder vor der Laube, deren beide Bögen man auch den Sentenzbogen (Urteilsbogen) nannte, wurden richterliche Urteile verkündet. Dort, wo Sie jetzt stehen, wurden die Strafen zur Abschreckung meist direkt vollzogen. Zur Verfügung standen so nette Instrumente, wie der beliebte Pranger, der Strafesel oder das Rollhäuschen. Todesstrafen wurden meistens vor den Toren der Stadt auf der Galgheide vollstreckt. Doch lediglich mit einem Galgen gab man sich dort nicht zufrieden. Man entwickelte Phantasie und köpfte, räderte, verbrannte oder vierteilte wahlweise die armen Sünder.
Heute wird im Stadtweinhaus vornehmlich Politik gemacht.
(...)

Die vermeintliche Provinzialität der Münsteraner kommt übrigens treffend in folgendem Witz zum Ausdruck, den wir dem Leser einfach nicht vorenthalten möchten:
"Denk di", sagt der Schulte zum Nachbarn, "min Buurmester (erster Knecht) hätt''n Gröttenwahn: he föährt in''n Urlaub nao Majorka." "Is dat waohr?" "Ja. Nao Majorka!" "Hm. Dann mott he in Hamm ümmstiegen."

Überhaupt boten die Münsterländer in der Vergangenheit immer wieder Anlaß zu satirischen Bemerkungen. So verfaßte ein (wohlweislich) anonymer Autor 1835 den "Katechismus der Münsterländer": In den zehn Geboten der Münsteraner heißt es z.B.:

"Du sollst keinen Fremden leiden neben Dir, Du sollst Dir kein gutes Bild machen von Einem, der kein Münsterländer ist." (1. Gebot)

"Du sollst nicht nach Neuerungen trachten." (2. Gebot)
oder auch:
"Du sollst nicht Durst leiden." (5. Gebot)

Auch dem weiblichen Geschlecht wurden eigene Gebote zugeschrieben, z. B. das sechste:

"Du sollst Deinem Mann nie ein freundliches Gesicht machen, ausser wenn Du Geld oder ein neues Kleid von ihm verlangest." (6. Gebot)


© copyright NW-Verlag Münster 1993ff (jetzt Solibro®-Verlag)

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