LESEPROBE

aus dem Regionalbestseller Hallo Änne, hier is Lisbeth ... (S. 53f)
von Usch Hollmann:


Schwüle Nächte bei Anton und Kathrina


... du, wat ham wir dat als Singles gut! Wat is uns alles erspart geblieben!
Ich war gestern bei Anton und Kathrina, die ham wieder mal dicke Luft. Schon seit 'n paar Tagen. Wat? Ach, wie ich dat sehe, is dat ganz normaler Ehealltag.
Dat fing damit an, dat Kathrina sich 'n neues Kleid gekauft hat und Anton rummeckerte, sie könnte sich auch mal wieder 'n Kleidungsstück kaufen, wo er auch wat von hätte, zum Beispiel 'n neues Nachthemd. Aber nich wieder so'n linksgerauhtes Baumwollpölterken, sondern wat Glänzendes, Glibbriges, wat man als Mann gern anpackt. Sie sollte sich ruhig mal die leckeren Öskes im Spätprogramm bekucken, wat die sich fein feddich machen für ihre Männer. Räkeln sich so verführerisch auffe Satinlaken rum, 'n Sektkühler mit Inhalt auffem Beistelltischchen und Tangobeleuchtung -, und wie sieht's bei uns inne Schlafstube aus? Kathrina wär immer bis zum Hals zugeknöpft, muckelt sich inne Bibertücher von Aldi ein, Lockenwickler inne Haare und Antifaltencreme im Gesicht, und wo man gern hinpackt, sitzt 'n ABC-Pflaster. Auffem Nachtschränkchen dampft der Baldriantee und denn: Heizung zu, Fenster auf, Licht aus! Bloß kein Lustobjekt sein, aber immer den Männern de Schuld geben, dat inne Schlafstube nur noch geschlafen wird.
Kathrina sagt, Anton hätte offensichtlich jetzt auch die Mitleidkrise, und sie muß sich wat einfallen lassen.
Isse erstmal nach Woolworth und hat sich 'n Nachthemd gekauft und zwar eins von der Sorte, wo man auch im Notfall nich mit ins Krankenhaus ginge: ne etwas nuttige Farbe mit Spitzen dran und ein'm tiefen Ausschnitt, eben genauso wie die sogenannten leckeren Öskes im Spätprogramm.
Samstagabend nache Sportschau isse denn schon mal ins Bett gegangen. Hat se sich noch 'n bisken geschminkt und fein frisiert, tüchtich Parfüm inne Armbeuge und inne Kniekehlen, dat neue Nachthemd aus dem Glibberstoff an und ihre Perlenkette in den tiefen Ausschnitt gehängt. Noch 'n buntes Tuch über de Lampe drapiert und denn gewartet ... Statt den Baldriantee hatte se sich 'n Pülleken Sekt mit nach oben genommen, alles wie im Fernsehn. Schon mal 'n Gläschen probiert, gewartet, noch 'n Gläschen, wieder gewartet und noch eins ...
Annern Morgen um neun Uhr wär se wachgeworden, mit irre Kopfschmerzen. Und Anton sagte: Wat war hier denn gestern abend für'n Karnevalstreiben? Er wär nach dem Edelwestern um halb zwei inne Schlafstube gekommen, da hätte noch so'n komisch schummriges Licht gebrannt, de Heizung voll aufgedreht, ne leere Pulle Sekt neben Kathrinas Nachtschränkchen, ein Geruch inne Bude wie in ein'm siebenstöckigen Freudenhaus und sie selber total aufgedonnert und in so ein'm bunten Zigeunerfummel im Bett gelegen ...
Änne, seitdem gibt dat bei denen Geschmolltes. Wat is uns alles erspart geblieben!


© copyright NW-Verlag Münster 1996ff (jetzt Solibro®-Verlag)

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