LESEPROBE

aus: Zwei Im Sinn

von Bettina Steinbauer:

Wie oft habe ich mich nach einem Zustand der Bedürfnislosigkeit gesehnt, erstrebenswert schien mir dieser Zustand, unabhängig und friedlich, und erst jetzt spüre ich, wie schrecklich es wäre, nichts mehr verlieren zu können (...)

Wenn uns im Leben die Liebe begegnet, nicht irgendeine Liebe, sondern jene, von der wir erschreckt glauben, dass ihr Verlust uns jeden lebensspendenden Sinn rauben werde, und wenn wir solche Sätze nicht mehr im Konjunktiv denken und damit aller Hoffnung beraubt sind, fragen wir uns, wer oder was wir vorher waren, vor dieser Liebe, die uns zu einem anderen Menschen gemacht hat. Wenn wir uns bemühen, darüber eine Aussage zu treffen, werden wir zwangsläufig vergleichen und dabei feststellen, dass uns auch vorher alle Farben menschlicher Empfindungen bekannt waren. Nur unser Schritt war fester und sicherer. Plötzlich sind wir verwundbar, wir haben etwas zu verlieren, von dem wir vorher nicht wussten, wie groß es sein kann, und es scheint dieses Mehr zu sein, dass dem Vergangenen seine Bedeutung nimmt. (...)

Madame Pigeon hat eine zusätzliche Matratze neben das Bett gelegt, Jacob schläft darauf, auf dem Rücken, den Kopf zur Seite, die Arme weit von sich gestreckt. Es ist schön zu sehen, wie offen Kinder schlafen, ihre jungen Körper müssen sich nicht schützen, solange sie vor Enttäuschungen bewahrt sind. Die ersten Irritationen lassen sie die Arme näher an den Körper rücken, langsam beginnen sie die Beine anzuwinkeln, erst zufällig, dann immer regelmäßiger und nach der ersten Wunde, die ihnen das Leben zufügt, nach einer verschmähten Liebe, einem empfundenen Verrat, einer bewussten oder versehentlichen Kränkung, kann man beobachten, wie sie allmählich sich zusammenrollen und im eigenen Körper Schutz suchen. (...)

Der schwarze Rollkragenpullover verleiht seinem Hals eine ungewöhnlich schmale Form, ich sehe seine Augen, die jetzt dunkler erscheinen, weil sie dem Licht ausweichen, seine angespannten Lippen, seine schlanke kräftige Nase. Ich zerlege sein Gesicht in viele kleine Einzelheiten und dann schließe ich die Augen, denn ich möchte einen Schritt weichen, ich möchte die Details jetzt verlassen und ihn ganz sehen. Und dann schaue ich und sehe ihn, Arthur, der mein Schauen nicht bemerkt, und ich begreife, dass diese Minuten mein Leben verändern, dass nichts mehr sein wird wie es war, und bestürzt über diese Macht, die wie eine riesige Welle jedes Abwägen, jedes Vielleicht und jede Entscheidung hinter sich lässt, möchte ich die Hände vors Gesicht schlagen, aber dann könnte ich Arthur nicht mehr sehen und das wäre kaum zu ertragen. Und mein Herz, das von anderen Organen fest umschlossen ist und das deshalb nicht größer werden kann, dieses pochende Herz widersetzt sich allen natürlichen Gesetzen, denn ich merke, wie es sich räumlich in mir ausbreitet und ohne meine Einwilligung viel zu schnell wächst, wie ein kleiner Embryo, der sich nicht an die vorgeschriebene Wachstumszeit hält, sondern den Leib der Mutter in wenigen Minuten zu einer schönen runden Kugel formt, und so verharre ich ganz still, weil ich nicht weiß, was mit mir passiert und keinen Namen dafür habe. (...)

Warum hat Arthur meinen groß geplanten Rückzug so einfach hingenommen? Nie fragt er. Scheut er die möglichen Antworten? Zu groß die Angst vor einfachen Worten? Nie ein Gespräch – Frage, Antwort, Frage, These, Antithese, ja, nein, warum, vielleicht, glaubst du, aber wenn. Fragen, die er stellen könnte, um eine Situation besser beurteilen zu können, erscheinen ihm offenbar überflüssig. Es scheint ihm unbekannt zu sein, dass man um Worte zuweilen ringen muss, dass sich manche Gedanken nur allmählich formen, Bekenntnisse unter Wehen geboren werden, Silben sich langsam und schüchtern zusammenfügen oder blitzartig aufleuchten, so dass man sich am liebsten an die Stirn schlagen und fragen möchte, warum man darauf nicht schon längst gekommen sei. Arthur scheint alle Sätze auf einer inneren Tafel abzulesen. Niemals schleichen sich überflüssige Füllwörter darin ein. Seine Sprache folgt den klaren Regeln der Mathematik und manchmal möchte ich Ecken und Kanten in seine geraden Sätze hauen. (...)

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