LESEPROBE

aus: Timmerbergs Tierleben

von Helge Timmerberg und Frank Zauritz (Fotos):


Eugen, der Alligator


Das Stück Baumstamm, das da im Wasser liegt, ist ein Alligator und heißt Eugen. Er ist ein alter Knochen. Als Steffi Igiel im Tierpark als Pflegerin zu arbeiten begann, war er schon da, und das war vor 20 Jahren. Niemand weiß, wie alt er ist. Und niemand weiß, was geschehen wäre, wenn der Bauarbeiter damals nicht auf den Beckenrand, sondern zu Eugen ins Wasser gefallen wäre. Das heißt, eigentlich wissen's alle. "Im Prinzip sind sie wie Hunde", sagt die Pflegerin, "denen können sie auch Futter hinschmeißen, bis sie platzen."
Folgendes geschah: Das Dach im Krokodilhaus bedurfte einiger Reparaturen, die Bauarbeiter bewegten sich gewohnt souverän auf den Gerüsten, und Tierpflegerin Igiel sagte: "Hoffentlich fallt Ihr da nicht runter." Antwort: "Och, wir fallen nirgendwo runter."

Indiana Jones

In den Abenteurerfilmen wird immer oben gekämpft, und unten warten die Krokodile. Mir käme das komisch vor, wenn ich Bauarbeiter wär. Einer fiel also runter, prallte auf den Beckenrand, sah das Krokodil und hatte dann nur noch eins im Sinn. Bauarbeiters Originalzitat: "Raus! Weg!" Dass er sich bei dem Sturz das Schlüsselbein gebrochen hatte, bekam er erst mit, als er aus dem Gehege entkommen war.
Manche Leute haben wirklich unverschämtes Glück. Eugen kann nicht nur flott schwimmen, er springt auch gern mal aus dem Wasser, und, um ehrlich zu sein, die Pflegerin nennt es nicht mal springen. "Er schießt raus wie eine Rakete."

Wasserungeheuer

Eugen bewegt sich auch auf dem Land recht zügig, er kann sogar klettern. Die 1,50 Meter hohe Trennmauer zum Nachbarn Brillenkaiman musste erhöht werden, nachdem Eugen rübergekommen war. Aber zu Haus ist er im Wasser. Da ist er unschlagbar. Ein Schlag mit seinem Schwanz bricht einer Kuh das Genick, und sein Gebiss arbeitet nach dem Schraubstockprinzip. Die Kiefer gehen nicht mehr auseinander, wenn er einmal zugebissen hat. Darum kann er auch nicht abbeißen. Er muss sich um seine eigene Achse drehen, um sich Stücke rauszureißen.
Am schlimmsten aber ist: Man sieht ihn nicht. Im Zoo sieht man Eugen, weil er ausgestellt ist, in Gottes freiem Regenwald glaubt man, er ist ein Haufen faules Laub, oder ein Stück Holz, oder ein großer Stein. Zudem kann er bis zu drei Stunden, ohne Luft zu holen, unter Wasser sein. Erst nach Anbruch der Dunkelheit kann man die Alligatoren mit einigermaßen Sicherheit fixieren, weil ihre Augen das Licht von Taschenlampen reflektieren.

Persönliches

Bereits in der letzten Folge hatte ich das Vergnügen von einer Begegnung mit einem Zootier außerhalb des Zoos (Jaguar) zu berichten. Die Sache mit dem Alligator passierte auf derselben Reise. Ich war mit Goldsuchern am Oberlauf des Rio Negro (Amazonien) unterwegs, an diesem Tag auf einem Kanu, denn der Fluss lief parallel zu unserem Weg. Irgendwann begann das Kanu unterzugehen. Es war überladen. Das Werkzeug zum Goldwaschen war darin und die Essensvorräte. Die durften nicht nass werden. Wir schon.
Die Goldsucher schlugen vor, dass wir uns als Ballast verstehen und uns abwerfen. Ich weiß, es ist schwer zu glauben. Aber soll ich lügen, wenn es stimmt" Ich sprang aus dem Boot direkt auf einen Alligator. Natürlich hatte ich ihn nicht gesehen. Ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, hatte ich damit das einzig Richtige getan. Alligatoren sind nicht daran gewöhnt, dass man auf sie springt. Was sie nicht gewohnt sind, irritiert sie. Irritiert sein ist ein anders Wort für Angst. Der Alligator hatte die Hosen voll. Sein Schwanz peitschte das Wasser. Er eilte davon.

See you later Alligator

Eugen wartet jetzt also seit mindestens 20, wahrscheinlich aber 30, vielleicht auch schon 40 Jahren im Tierpark Friedrichsfelde geduldig darauf, dass mal ein Besucher zu ihm runterfällt. Kinder beugen sich weit übers Geländer. Manchmal sitzt auch eines drauf. Nie ist was passiert, bis auf dieses eine Mal, als der Bauerarbeiter geflogen kam, und da hat Eugen nicht aufgepasst oder er war zu faul, es kann auch sein, dass er schon nicht mehr daran geglaubt hat und seinen Augen nicht traute. Egal. Bis heute hat Eugen noch keinen Besucher gefressen. Keinen, von dem man weiß. Denn was sie kriegen, verschlingen sie nicht nur mit Haut und Haaren, sondern zur Not auch mit Personalausweis.."

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