LESEPROBE

aus: Dat muss aber unter uns bleiben

von Usch Hollmann:


Damals, in Athen


"Hallo Änne, hier is Lisbeth, wetten, dat du nich rätst, wo ich gestern Abend war? Im Theater! 'Ne Komödie in live, also mit lebendige Schauspieler auffe Bühne. Unser Kathrina hatte von eine Nachbarin zwei Karten angeboten gekricht, weil die selber verhindert war, und da hat se mich gefragt, ob ich wohl Lust hätte? Ja sicher, warum nich? Kultur kann nich schaden und is auch mal wat anderes als immer bloß vor de Glotze hocken.
Wir uns also fein gemacht. Dat hätten wer uns allerdings schenken können: Da bleibt dir ja der Mund offen stehen, wie heutiges Theaterpublikum rumläuft ... von wegen festlich! Gut, einige Frauen hatten sich etwas Mühe gegeben und sich kulturmäßig aufgebrezelt, aber de Männer? Erkennbar von ihre Gattinnen mitgeschleppt, kreuzten die zum Teil in ausgeleierte Jeans und Muskelshirts auf, als wenn se zum Fußball gingen, oder mit grellbunte Pullover und 'n Männeken mittem Golfschläger drauf ... nein, wie manche Modeschöpfer sich anne Menschheit versündigen! Einer kam sogar mit Bermudashorts und anne Füße Socken und Schuhe in Rentner-Beige! Aber parfümiert wie 'n Lui ausse Halbwelt. Dat keiner im Feierabenddress aus bunte Ballonseide erschienen is, war derekt 'n Wunder.
Nun muss man allerdings zugeben, dat de Thematik von diese Komödie extrem männerfeindlich war, sodass sich manch einer vleicht sogar aus Trotz extra schlunzig angezogen hatte?
Dat Stück hieß "Lysistrate", wat der Name vonne Titelheldin war, und wurde vor rund 2600 Jahre von ei'm Griechen namens Aristophanes geschrieben, so stand's wenigstens im Programmheft. Schon an dem Namen Lysistrate kannst du erkennen, wie alt dat Stück is – im heutigen Griechenland heißt keine Frau mehr Lysistrate. Und auch wenn dieser Aristophanes damals einer vonne besten Komödienschreiber gewesen sein soll, eins steht fest: Von Frauen hatte der keinen blassen Schimmer! Wat ihn aber nich dran gehindert hat, 'n Stück über Frauen zu schreiben! Typisch Mann!
Wo ging dat drum? Die Frauen im damaligen Athen waren es leid, dat ihre Männer sich alle naselang 'ne neue Steinschleuder bastelten und begeistert unter Säbelgerassel innen Krieg zogen. Wenn irgenswo inne nähere oder weitere Umgebung sich irgenswelche Leute wegen irgenswat nich einigen konnten, dann gab's Krieg, und de Männer hauten ab, anstatt zu Hause 'n ordentlichen Beruf auszuüben und pünktlich ihre ehelichen Pflichten nachzukommen. Da hat diese Lysistrate sich 'ne angeblich clevere Strategie ausgedacht, wie und wodurch man de Männer vom Krieg abhalten könnte: Sie hat alle Frauen von Athen zusammengerufen und vorgeschlagen, man sollte gegen die Kriegslüsternheit vonne Männer geschlossen de weiblichen Waffen einsetzen und sich den Kerlen so lange verweigern, also kein'n Beischlaf und so, bis die mit dem Waffengeklirre aufhören. Dat sollten alle Frauen solidarisch schwören, auch wenn's manche schwerfiele. Und wenn abends der Gatte mit eindeutige Absichten über de Besuchsritze gekrochen käme, konsequent mittem Pantoffel auf dat Vollzugsorgan draufhauen und sagen: Auf diese Lagerstatt bist du erst wieder willkommen, wenn du versprichst, dat du morgen nich wieder mit deine Kumpels innen Krieg ziehst.
Änne, wenn ich ehrlich sein soll: Ich hab dat Stück nur de Spur nach verstanden. Die Schauspieler redeten nämlich in gereimte meterlange Sätze, die wohl auch deswegen Hexameter heißen.
Aber de Frauen von Athen sollen angeblich mit diese Strategie 'n gewissen Erfolg gehabt ham, wat jedoch zutiefst unglaubwürdig is, und warum? Den Beischlaf verweigern! Dat muss ja ein Naivling erster Güte gewesen sein, diesen Aristophanes! Diese so genannte Komödie is eher 'ne Groteske ... da packste dir doch annen Kop ... Kathrina, die seit bald fümmenzwanzig Jahre verheiratet is und sich mit eheliche Tricks aller Art bestens auskennt, die sagt: Den Ehemann streikmäßig vonne Bettkante schubsen? Dat wär' dat Dümmste, wat man als Gattin machen kann: Dann geht der doch zu 'ne käufliche Tussi, zu 'ne so genannte Horizontalgewerbelehrerin, und dat Geld, wat die kostet, dat zieht er dir womöglich noch vom Haushaltsgeld ab. Und wer sagt dir, ob er dann nich überhaupt auffen Geschmack kommt und nur noch außer Haus sei'm Trieb nachgeht? Weil so professionelle Öskes ham doch ganz andere erotische Tricks drauf ... Kamasutra und wat nich alles, wo man als sexueller Amateur gar nich drauf kommt oder wo man auch keine Lust zu hat.
Jedenfalls – als wir nach dem Stück unten inne Garderobe auf unsere Mäntel warteten, hörte man de fachkundigen Kommentare vonne Ehefrauen, und die waren sich alle einig: De Frauen von Athen hätten ihre kriegslüsternen Kerle nich mit Enthaltsamkeit strafen, sondern sexuell mit allen zu Gebote stehenden Mitteln feddich machen müssen. Dreimal täglich und nachts erst recht, bis se im Morgengrauen kampfunfähig, ausgelaugt und lendenlahm auffem Zahnfleisch vonne Lotterbetten gekrochen wären. "Geht mir weg mit Krieg, ich kann nich mehr kriechen."Wat de Männer zum Inhalt von dem Stück gesagt ham? Gar nix, die ham da überhaupt kein'n Bezug drauf genommen, sondern sich per Handy de aktuellen Fußballergebnisse eingeholt ... Änne, so sieht's aus! Übrigens soll nach heutige Erkenntnisse aus de medizinische Fachwelt Sex eher beruhigen und helfen, Aggressionen abzubauen. Deswegen verlangen manche Fußballtrainer von ihre Spieler auch, dat se drei Tage vor 'm Spiel de Finger vonne Gattinnen lassen sollen. Sex täte zwar nicht die Muskulatur schwächen, wirkt sich aber nachteilig auffe Kampfmoral aus, weil dadurch käm dat nötige Quantum Aggressivität zum Erliegen, wat man für 'n Sieg braucht.
Wenn Aristophanes dat gewusst hätte! Aber dann gäb's kein Theaterstück namens "Lysistrate" und ich wär' gestern nich ins Theater gekommen und hätte dir heute nix zu erzählen gehabt."

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