LESEPROBE

aus: "Aber das wär' doch nicht nötig gewesen!"
Heitere Geschichten vom Feiern


von Usch Hollmann:

Silberhochzeit

(...) Klaus hatte das Manuskript mit der Rede bereits Wochen vor dem großen Ereignis an Udo übergeben, damit dieser sich mit dem Wortlaut vertraut machen konnte. Auch Regieanweisungen hatte er bekommen: Gerade und locker stehen und nicht mit einer Hand in der Hosentasche, schön laut und deutlich sprechen, hin und wieder ins Publikum blicken, vor allem aber immer wieder seine Liebste ansehen - Udo hatte hoch und heilig versprochen zu üben. Immer wieder wurden auf seinen Wunsch hin Korrekturen im Text vorgenommen, Sätze mussten umformuliert, hier mehr Gefühl hervorgehoben, dort Sentimentalitäten zurückgenommen werden - schlussendlich war eine uneingeschränkt druckreife Liebeserklärung entstanden.
Udo war selig. Mit dieser Rede und einem geheimnisvollen Geschenk, das er sich für seine Monika ausgedacht hatte, könne er den nächsten fünfundzwanzig Jahren hoffnungsvoll entgegensehen. Davon war er überzeugt.

Endlich war der ersehnte Tag da. Die Gäste trudelten ein, festlich gekleidet, wie auf der Einladungskarte erwünscht. Das Büffet war im Wintergarten aufgebaut, die drei inzwischen erwachsenen Kinder standen bereit, den Gästen die Mäntel abzunehmen, Tabletts mit dem Begrüßungstrunk herumzureichen, Stühle anzubieten. Sie machten es perfekt.
Die Jubelbraut mit ihrem immer noch üppigen Blondhaar war in ein vorteilhaftes, offensichtlich neues Deuxpièces gekleidet. Der dazugehörige Bräutigam hatte sich nur zum Kauf einer neuen Krawatte überreden lassen, wie er unumwunden kundtat. Im Übrigen trug er den dunkelblauen Blazer, den wir alle schon kennen. Es fi el jedoch auf, dass er der einstigen Konfektionsgröße 50 entwachsen war und künftig bei Neuanschaffungen wohl eher bei den Zwischengrößen 25 oder 26 fündig werden würde. Einige in Modefragen fachkundige Damen anerkannten neidlos, dass Monika im optischen Vergleich deutlich besser abschnitt als Udo.
Auf dem Gabentisch türmten sich Blumen und phantasievoll dekorierte Päckchen, mitten darin das Geschenk des Gatten: Ein großes Schild mit Adresse und Stempel eines zumindest in Damenkreisen gut beleumundeten Wellness-Hotels, das besagte: 10 Tage Aufenthalt in eben jener Schönheitsfarm incl. Diätküche, inkl. 10 kosmetische Behandlungen inkl. Dekolleté-Pflege, inkl. 5 Moorpackungen sowie 5 x Friseurbesuch und 1 x Pediküre.
"Hat Mama sich darüber gefreut?", fragte ich Claudia, die hübsche Tochter. Sie zuckte mit den Schultern, ihr gequält lächelnder Gesichtsausdruck ließ keine eindeutige Antwort erkennen.
Nach angemessener Zeit wurde das fröhliche Stimmengewirr plötzlich unterbrochen: Udo klopfte, um Aufmerksamkeit bittend, an sein Glas. Aha, jetzt kam die zu erwartende Rede!
Klaus und ich standen lächelnd Hand in Hand und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Wir hatten regelrecht Lampenfi eber, obwohl Udo uns mehrfach versichert hatte, dass er sich gut vorbereitet habe.
Monikas Augen glänzten erwartungsvoll.
Alle starrten gebannt auf den Hausherrn, der seinerseits auf die drei Seiten Papier starrte, die in seinen Händen zitterten. Dann faltete er die Blätter zusammen und schob sie in die Jackentasche. Er griff nach Monikas Hand und begann mit fester Stimme:
"Liebe Gäste, wir danken euch, dass ihr uns am Tage unserer Silberhochzeit nicht alleine lasst. Liebe Monika, auch dir möchte ich danken. Du hast mich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet, hast mir drei wundervolle Kinder geschenkt, und ich kann nur sagen: Ich habe dich damals geliebt und ich liebe dich immer noch. So, und damit ist das Büffet im Wintergarten eröffnet - auch die Getränke stehen dort - besonders den Rotwein kann ich nur empfehlen."
Gelächter. Applaus. Tellerklappern. Die Gäste bewegten sich in Richtung Wintergarten. Udo lächelte erleichtert und folgte ihnen. (...)

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